Mapping Refugees Bangladesh

Mapping des Absprechens des Menschseins der unsichtbaren Rohingya-Flüchtlinge

Diese Veranstaltung konnte wegen Corona nicht stattfinden. (29. 3. - 5. 4. 2020 Verschiedene Veranstaltungsorte) Die Intervention wurden aber auf mehrere Monate ausgedehnt und konnten adaptiert durchgeführt werden.

Kuratorische Anmerkung von Ebadur Rahman:

“In 10 Tage, die die Welt erschütterten versuche ich in meiner Rolle als Kurator und Künstler mit einer Generation von Architekten*innen, Archäolog*innen, Anthropolog*innen, Autor*innen, Filmemacher*innen und darstellenden Künstler*innen zusammenzuarbeiten, die die Kartografie der Vertreibung – von Körper, Arbeit und Sprache – aus der gegenwärtigen Wirklichkeit auf der gesellschaftlichen Ebene hinterfragen; zusammen werden wir Verbindungen zwischen großen Erzählungen gelebter Geschichten (neu) erzählen und/oder (neu) organisieren und zwar auf organische und kurzlebige Weise gegenüber von Verdrängungen: Wir werden physische, politische und chemische Realitäten und Verhaltensweisen darstellen und zwar durch Narrative der Gesellschaft Bangladeschs. Zugleich werden wir die darunter liegenden Beziehungen sichtbar machen, die die Welt kreiert – jene, die die weibliche Arbeitskraft vertreiben, Völkermord evozieren und Politiken der Auslöschung forcieren. Und zwar indem wir diese Zusammenhänge beforschen und die organischen und synthetischen Beziehungen, durch die diese Geschichte(n) konstruiert sind, sichtbar machen, anstatt gesellschaftliche bzw. persönliche Einzelfakten zu erzählen oder ein reines Kunstwerk herzustellen.

Ohne unsere Haltungen, Einstellungen und Positionen als interdisziplinär arbeitende  Künstler*innen und zusammenarbeitende Personen zu vernachlässigen, bringen wir unser praktisches Wissen ein, um an einer performativen Architektur teilzuhaben, die mit einem feinen Gespür offenzulegen versucht, wie unterschiedliche Dimensionen von Vertreibung sich am Beispiel der Rohingya-Flüchtlingskrise aufzeigen lassen als ein zentrales und polemisierendes Problem Bangladeschs, welches ironischerweise im USA dominanten, internationalen Nachrichtensektor unsichtbar ist.

Seit dem späten August 2017 sind mehr als 740.000 Rohingya Muslime aus Rakhine in Burma nach Bangladesch geflohen, um den groß angelegten ethnischen Säuberungen des Militärs zu entkommen. Die Grausamkeiten, die von den Sicherheitskräften Burmas begangen wurden, reichen von Massentötungen und sexueller Gewalt bis hin zu Brandanschlägen – alles Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Vereinten Nationen haben die Militäroffensive in Rakhine, die den Exodus herbeigeführt hat, als „Lehrbuchbeispiel für ethnische Säuberungen“ bezeichnet. Zuvor lebten, laut UNHCR, bereits rund 307.500 Rohingya Flüchtlinge in Camps, provisorischen Siedlungen und in Gastgemeinden.

Geleugnet von der Geschichte und nicht als relevant betrachtet, 'qualifizieren' sich die unsichtbaren Rohingya Flüchtlinge nicht einmal als die von Michael Hardt und Antonio Negri bezeichnete „Menge“, die als „aktives soziales Subjekt, das auf der Basis von gemeinsamen Singularitäten handelt“ proklamiert wird. Tatsächlich entpuppt sich diese Menge als ein Konzept von Klasse. Die Menge ist eine Ganzheit von Singularitäten. Unter dieser Prämisse lässt sich eine ontologische Definition weiterdenken, die in der hegemonialen Tradition der Moderne Rohingyas als Kategorie Mensch oder Subjekt ausschließt.

Einen Ansatz vertretend, der auf einem niederschwelligen Niveau fungieren soll, ist der markanteste Anspruch von 10 Tage, die die Welt erschütterten, eine performative Architektur zu erschaffen, um eine temporäre autonome Zone herzustellen, die für gemeinschaftliche Interaktion und zu radikaler Gastfreundschaft ausgeformt wird: Und zwar um gemeinsam zu kochen und Mahlzeiten zu teilen, zu lehren, zu lesen, Filme zu drehen und anzusehen, um Musik zu machen und zu schlafen. Innerhalb dieses Raums wechselt das Kräfteverhältnis zwischen Gast und Gastgeber*in, zwischen dem Selbst und dem Anderen und soll sich auflösen in spontanes soziales Handeln. 10 Tage, die die Welt erschütterten wird als Experiment mit offenem Ende eingerichtet. Wir bauen die Bedingungen auf, in denen die sozialen Interaktionen – mit allen ihren Möglichkeiten, Unsicherheiten und Paradoxien – verhandelt und kontinuierlich aufgeführt und wieder aufgeführt werden, von unsichtbaren Körpern und von unsichtbaren Stimmen, die ausgesprochen und neu ausgesprochen werden. 10 Tage, die die Welt erschütterten trägt Stimmen, die Jahre des Widerstands feiern und von Widerstandskraft erfüllt sind, in sich, um Stimmen und Geschichten, die gehört werden müssen, sichtbarer zu machen.

10 Tage, die die Welt erschütterten eröffnet neue Wege für einen Diskurs über eine Form der sinnlichen Wissensgenerierung: Essen, spirituelle Traditionen, ausgelöschte mündliche Geschichten, moderne Mythen und auch wissenschaftliche Forschung. Unsere kollektive Praxis basiert auf drei Aktivitäten: Performance, adda-sozialen Austausch und Dokumentationsverbreitung.“
©ebadurrahman


Vorläufiger Zeitablauf und Themen:

Sonntag, Montag, Dienstag, 29., 30., 31. März

Ort: Dhaka
(Gemietetes Haus und ein Ort neben der Straße, wo Performances stattfinden)

Themen:
•    Einführung: Teilen von Identität und Erfahrung
•    Warum es kein Publikum gibt
•    Warum jede*r ein*e Künstler*in ist
•    Workshop mit Rosalia Kopeinig
•    Hauptthema: Vertreibung: Arakan – Kashmir – Palästina
•    Kontextualisierung der geschichtlichen Beziehung zwischen Bengali and Rohingya
•    Filmvorführungen mit Livekonzerten
•    Lesungen/Performances

Mittwoch, 1. April

Ort: Norshingdi & Wari-Boteshshor Archeological site

Thema:
•   Art, Craft, Tradition vis-a-vis Bengali history
 

Donnerstag, Freitag, 2., 3. April

Venue: Dhaka
(Gemietetes Haus und ein Ort neben der Straße, wo Performances stattfinden)

Thema:
•   Tradition und der Prozess des Vorgehens bei Vertreibung und "Auslöschungen"
 

Samstag, 4. April

Venue: Narawangonj-Mawa

Thema:
•   Filme und Videos zu Vertreibung
 

Sonntag, 5. April

Ort: Gemietetes Haus, Kirche und einige andere Orte

Thema:
•   Palmsonntag, Ende, Treffen und Verabschiedung aller Teilnehmer*innen